Zur Wilden Werkstatt

ORTSGESPRÄCH 25.09.2016Berliner*innen zeigen Orte mit Bedeutung in der großen Stadt.

Folge VI: Sophia Melone

„Mein Weg zur Siebdruckwerkstatt in der Wilden Renate beginnt eigentlich im Frühsommer diesen Jahres in Dänemark. Ich war damals Teil des Teams rund um den Neuköllner Keller Club und dem Open-Air-Kollektiv Ram Schakl, das beim Kopenhagener Stadtfest „Distortion“ einen eigenen Floor errichtet hatte. Was ich damals gelernt habe: Es geht im kreativen Schaffensprozess gar nicht so sehr um individuelles Vorankommen, sondern viel mehr um Gruppenfortschritt und um das Gefühl, sich am Ende des Tages gegenseitig auf die Schultern klopfen zu können. Unter verschiedenen Bedingungen und Zuständen so zu arbeiten, dass am Ende alles funktioniert, dieses gemeinschaftliche „Machgefühl“,  das fand ich stark und hat bei mir eine Offenheit produziert, sich auch bei anderen Projekten einzuklinken.
Mit diesen Erfahrungen und der Erkenntnis, nicht mehr weiter studieren zu müssen, startete ich in den Berliner Sommer – und der Zufall führte mich zum Siebdruck. Ich besuchte damals häufig „Harz im Puff“, eine Hiphop-Veranstaltung, die normalerweise regelmäßig hier in der Wilden Renate stattfindet. Ein Kollege aus dem Keller Club, dem auffiel, dass ich gerne male, kannte die Veranstalter und nahm mich mal mit zum Meeting. So kam es, dass wir zusammen Graffiti/Bodypainting-Spezialisten für die Harz-im-Puffler wurden! Auf diesem Wege lernte ich Gregor kennen, der über dem Club Renate seine Werkstatt eingerichtet hatte. Als ich ihn dort besuchte, war ich so begeistert, dass ich erst helfende Hand und nun Mitdruckerin wurde. Bei so tollen Menschen mitmachen zu können macht mich superstolz.
In das Team habe ich mich sofort verliebt und bekam auch sehr viel Liebe zurück. Seitdem bin ich so oft ich kann hier und bedrucke bei allem mit, was nicht bei drei aufm Baum ist! Parallel dazu zeichne ich auch noch sehr viel. Komplett leben kann ich noch nicht davon, aber es geht ja auch gerade erst los. Wichtig ist für mich vor allem: Ich kann hier das Gefühl ausleben, gemeinsam etwas mit anderen Menschen zu erreichen. Und ich kann hier meine Tagesplanung, also meine Wachheitszeiten und meine Ruhephasen, selber einteilen. Hier sagt niemand: „Du hast jetzt zu funktionieren!“. Letztendlich ist es eine Sehnsucht nach kollektiver Arbeit mit tollen Künstlern, die bei mir in Dänemark geweckt wurde und die dieser Ort hier, die Siebdruckwerkstatt in der Wilden Renate, wunderbar repräsentiert. Das ist perfekt und bietet ganz viel Platz für die eigene Verrücktheit.“

Der Mensch:
Sophia Melone ist freischaffende Illustratorin und Malerin aus Berlin-Wedding.

Der Ort:
Die Wilde Renate (offiziell „Salon zur Wilden Renate“) ist seit 2007 ein in einem großen Altbau gelegener (Techno-) Club unweit des Treptower Parks. Der Veranstaltungsort erstreckt sich über mehrere Etagen und bietet auch Platz für Künstlereinrichtungen wie z.B. seit einigen Jahren einer Siebdruckwerkstatt im dritten Stock. Als Vermächtnis des mittlerweile abgewählten SPD/CDU-Senats wird das gesamte Gebäude in ein paar Jahren für den Bau der Stadtautobahn A100 abgerissen.

 

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