Unter dem Radar

BERLIN TALES 21.01.2014

Auf der Suche nach einer Openair-Location für den Frühling in Berlin verschlug es mich und meine Begleiter auf den aus Kriegstrümmern (Zwölf Millionen Kubikmeter Schutt aus 400.000 zerbombten Häusern wurden hier nach dem Zweiten Weltkrieg aufgehäuft) erhobenen Teufelsberg im Grunewald. Mit 120 Metern Berlins höchste Erhebung, befand sich hier zwischen den 50er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Radarstation der Amerikaner zur Überwachung des Luftraums über Berlin.

 

Nach dem Abzug des US-Militärs wurde dieses Relikt des Kalten Kriegs eine Projektionsfläche für Investorenträume. Angefixt durch das kolossale Panorama über Berlin kaufte eine Kölner Investorengemeinschaft 1996 das fast 15.000 m² große Gelände für 2,6 Mio. EUR. Geplant waren ein Tagungshotel, luxoriöse Loft-Wohnungen, Stadtvillen, ein kleines Museum und ein Ausflugslokal auf dem Berggipfel. Fertigstellung sollte 2002 sein. Das Luxusprojekt scheiterte aber an Protesten und Klagen von Anwohnern und Naturschutzverbänden und den immer höher werdenden Baukosten. Einzig fertiggestellt wurden eine im 2.OG des Radargebäude befindliche Muster-Loftwohnung (die aber mittlerweile auch vollständig verfallen ist) sowie am östlichen Rand des Areals einige Fundamente (u.a. für Stadtvillen und ein Parkhaus).

 

2008 wollte dann Kult-Regisseur David Lynch das Gelände für den Bau einer Universität für die Esoterik-Organisation „Transzendentale Meditation“ erwerben. Geplant war unter anderem ein 50 Meter hoher „Turm der Unbesiegbarkeit“. Die geplanten Baukosten beliefen sich auf 120 Millionen Euro. Die Stiftung ist bekannt durch die Kunst des sogenannten „yogischen Fliegens“. Entgegen aller Naturgesetze und Regeln der menschlichen Vernunft soll dabei durch Meditation die Fähigkeit verliehen werden, frei über dem Boden zu schweben. Demonstriert konnte dies allerdings noch nie werden. Und auch der Bau der Guru-Uni blieb ein Hirngespinst. Mittlerweile wurde das Gelände als Baugebiet entwidmet wurden und ist jetzt als Waldgebiet ausgewiesen – weitere Baumaßnahmen sind damit verboten.

 

Wann immer Orte mit Geschichte in Berlin leerstehen, bricht die Zeit der Kunst heran. Graffiti-Künstler aus der ganzen Welt haben sich in den Ruinen der Radarstation verewigt, auch legendäre Partys mit tausenden Teilnehmern und anschließender Räumung durch die Polizei wurden hier bereits gefeiert. Seit Mai 2012 hat ein engagierter Künstler das Gelände von den Privateigentümern gepachtet. Die Bewachung der Gebäude ist amtlich vorgeschrieben und der Schutz vor Vandalismus, Metalldiebstahl, Unfällen und Brandstiftungen wird vor allem durch Eintrittsgelder bezahlt. Für Interessierte aus der ganzen Welt werden mehrsprachige Führungen angeboten, bis zu 300 Teilnehmer kommen so am Tag auf den Teufelsberg und zahlen jeweils acht EUR für den Rundgang. Die Führungen starten SA+SO um 12.31 Uhr am S-Bahnhof Grunewald, Ausgang Eichkampstr. bzw. SA+SO um 13 Uhr am Tor der Abhörstation, außerdem gibt es täglich von 12 Uhr bis Sonnenuntergang stündlich stille Rundgänge ab dem Tor der Anlage.

 

Wir haben Glück und müssen an diesem eisrutschigen Januartag keinen Eintritt zahlen, schließlich sind wir hier, um die Location für gewerbliche Zwecke zu erkunden. „Wieder so ein Ort, den die Touristen besser kennen als wir Berliner“, murmelt meine Begleiterin – und tatsächlich, die anderen Besucher an diesem Tag sprechen durchweg englisch, man kommt aus den USA und Australien. Und bekommen einiges geboten: Die ehemalige Radarstation ist im Jahre 2014 eine Mischung aus verfallender Historie, grandioser Street-Art, Vandalismus, leerstehenden, mittlerweile sehr bunten Gebäuden, viel Müll und einem atemberaubenden Panorama über Berlin.

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Auch wenn wir am Ende zum Ergebnis kommen, dass das geplante Frühlings-Openair aufgrund vermutlich restriktivern Behörden hier nicht stattfinden kann – den Blick von der windig-wilden und vollständig mit Kunst verzierten Aussichtsplattform der ehemaligen Radarstation werden wir so schnell nicht mehr vergessen.

Teufelsberg
Teufelsseechaussee, 14193 Berlin
S-Bhf Heerstraße und dann ca. 1,5 Kilometer zu Fuß oder zu Sattel.
GALERIE (ZUM VERGRÖSSERN AUF FOTOS KLICKEN)

 

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