Immer im Kreis

BERLIN TALES 31.05.2013

Doc Rundlauf

Es ist einer jener grauen Herbst-Abende im Jahr 2005 gewesen, der mich bewog, mal einen neuen Ort in Berlin zu erkunden. Zugegeben, der erste Eindruck des Dr. Pong in Prenzlauer Berg wirkt ernüchternd: Ein ehemaliges Geschäft im Erdgeschoss. Kahle, hellbraune Wände mit diffusem Licht, ein grauer Fußboden, ein schlichter Raum mit verlängerten Bar und einem kleinen DJ-Platz daneben. Weiter hinten noch ein paar abgewetzte Sofas und ein Tischkicker, der aber nur im Modus eins gegen eins gespielt werden kann. Mir wird schnell klar, dass es hier nicht um Äußerlichkeiten geht. Das prägende Element dieser Bar steht inmitten des Raums: Eine Tischtennisplatte. Um sie herum rennen 30 Leute, die meisten mit der Doppelbewaffnung Schläger und Bierflasche ausgestattet. Und sie scheinen Spaß zu haben.

Vorapokaliptische Betriebsamkeit

Meine Neugier ist geweckt. Ich kann ganz passabel Tischtennis spielen. Noch aus Kindertagen versiert, rechne ich mir Chancen aus, möglichst weit zu kommen. Gespielt wird im Dr. Pong nach den von Schulhöfen bekannten Regeln des Rundlaufs, der am Ende ein kleines Finale aus zwei Personen vorsieht. Ich gehe zur Bar, hole mir einen alten Schläger und bin sofort mitten im Geschehen. Ich treffe den ersten Ball und reihe mich wieder in die lange Schlange um den Tisch ein. Es wird ein paar Minuten dauern, bis man wieder drankommt, so viele Mitspieler drängen sich um die Platte. Ich nutze die Zeit und schaue mir die Leute um mich herum an. Von Berlin bis Neuseeland, vom Hipster über den Elektro-Nerd bis zum Künstler. Sie alle vereint: Die Lust am Spieltrieb bzw die „vorapokaliptische Betriebsamkeit“, wie es auf der Homepage des Pongs heißt. Genau so ist das Konzept dieses Ortes: Die verbindendene Kraft des Tischtennis. Mein erstes Finale spiele ich mit einem Polen, meine erste Tischtennis-Fachsimpelei führe ich mit einem Asiaten.

Wäre ich neu in Berlin und würde niemanden kennen, der Dr. Pong wäre meine erste und beste Adresse. Jeder hat irgendwann schon einmal Tischtennis gespielt. Und die Regeln des Rundlaufs kennen sowieso alle. Nie zuvor habe ich in Berlin einen Ort gesehen, in dem man so schnell und unkompliziert Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen kann.


In den nächsten Jahren wird der Pong eine gesunde Sucht in meinem Leben. Nur noch eine Runde, nur noch einmal ins Finale kommen… Wenn ich abends weggehe, nehme ich immer zur Sicherheit einen Schläger mit. Man weiß ja nie. Ich komme immer häufiger an diesen Ort, der mir durch die vielen interessanten Menschen gar nicht mehr so kahl vorkommt wie am Anfang. Lerne den Inhaber kennen, einen Amerikaner, der eigentlich Architekt werden wollte und einen Platz suchte, in dem man wetterunabhängig in der Freizeit Tischtennis spielen kann. Und der in Ermangelung eines solchen Ortes den Pong inklusive eigenem Manifest erfand. Ich entdecke den meditativen Charakter des Rundlaufs, wenn man nach einem stressigen Tag die Gedanken um die Platte kreisen lassen kann. Mit der gleichzeitigen Genugtung, auch ein wenig Sport zu treiben.

Ich bin dabei, als aus dem Pong heraus das Nachbarhaus spontan für eine Nacht besetzt wird und Bonaparte im zweiten Stockwerk auftreten. Kann an manchen Tagen unzählige Mitspieler ohne lange nachdenken zu müssen mit Vornamen anreden. Diskutiere mit Skandinaviern, Australiern und Franzosen beim Spiel die Weltpolitik. Verpasse den Rundlauf-Auftritt von Europas bestem Tischtennisspieler Timo Boll. Erfahre die Magie eines polnischen Spezialdrinks namens Mad Dog. Lerne eine Liebe meines Lebens kennen. Erfreue mich an unzähligen Nächten am gemeinsam ausgelebten Spieltrieb, mit Freunden und Fremden und eine Holzplatte zu rennen und auf einen kleinen Kunststoffball einzuschlagen. Viele spannende Zeitgenossen in meinem Leben kenne ich aus dieser Zeit und habe ich zuerst mit einem Schläger in der Hand getroffen.

Irgendwann habe ich es sogar einmal ausgerechnet. Um in ein Finale zu kommen, rennt man etwa 50-Mal um die Tischtennisplatte. Macht man dies ein paar Mal an einem Abend, kommen schnell etliche Meter zusammen. In all den Jahren bin ich wohl die Strecke von Berlin nach Paris nachgelaufen. Nur halt immer im Kreis. Auch komme ich zu der Erkenntnis, dass die Art, wie jemand Tischtennis spielt, einiges über den Charakter der Person aussagt. Bereits nach wenigen Ballwechseln mit Fremden kann ich abschätzen, ob es Fremde bleiben sollen oder nicht. Der Dr. Pong wird mein Wohn- und Spielzimmer. Er entspricht meinem Gefühl vom Berlin: Irgendwie verspielt, irgendwie cool, irgendwie häßlich – und mittendrin viele interessante Menschen.

Natürlich gibt es auch Phasen, in der dem Spiel nicht wöchentlich gefrönt werden kann. Manchmal erscheint der Pong auch nur als veritabler Plan B, wenn Plan A an diesem Abend nicht funktioniert hat. Die Musik der DJs ist teilweise sehr gewöhnungsbedürftig und manchmal ist auch einfach nicht viel los. Nicht jeder kann es sich erlauben oder hält es für erstrebenswert, unter der Woche nachts um drei um eine Tischtennisplatte zu rennen. Aber ich kann mir immer sicher sein: Egal, was in Berlin passiert, es gibt immer ein paar Leute, die nachts ein Spiel wagen wollen.


Acht Jahre ist es nun her, dass ich mich in die Behandlung des Dr. Pong begeben habe. Mittlerweile komme ich nicht mehr so häufig zur Sprech- und Spielrunde. Ich kann schwer sagen, ab wann sich der Wandel Prenzlauer Bergs auch im Pong widergespiegelt hat. Der Anteil der Easyjet-Touristen steigt von mal zu mal, die in der Berliner Barszene gefürchteten und gleichzeitig für’s Überleben benötigten Pub Crawls tuen ihr übrigens. Der Dr. Pong hat etwas an Charme der Anfangszeit verloren, aber das kann man wohl über fast jeden Ausgehort in Berlin sagen. Auch hat er seine Exklusivität eingebüßt, das Konzept hat sich herumgesprochen.

Den Titel der ersten Tischtennisbar Europas kann dem Pong niemand nehmen. Genausowenig wie man mir die Erinnerungen an unzählige tolle Nächte, spannenden Ballwechsel und großartigen Menschen nehmen kann. Und wenn Du, geneigter Leser, noch niemals in einer Pingpongbar warst, dann kannst Du diese Ermangelung an jedem Tag ab 21 Uhr bis spät in die Nacht in der Eberswalder Straße 21 in Prenzlauer Berg korrigieren. Vielleicht spielen wir ja ein Finale.

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  1. Caroline

    Hi Jason,

    viel geredet haben wir nie miteinander, aber ich wollte sagen, dass mich dein Artikel sehr bewegt hat. Du hast sehr passende Worte gefunden. Sollte ich jemals wieder aus Berlin weggehen, wird mir neben den Menschen das Pong als Ort am meisten fehlen.
    Danke für das schön skizzierte Bild.
    Die Caro

    Antworten

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