Kinder der Sonne

UCKERMARK TALES 03.08.2014

Wenn man an sein Leben denkt, dann sind es in erster Linie besonderen Momente, die einem in Erinnerung bleiben. Sie sind selten gestreut, aber es gibt sie, jene Augenblicke von so hoher Intensität, dass es im Nachhinein ausreicht, sich an einen einzigen Moment zu erinnern, um die pathetische Aura eines Lebensgefühls nachschmecken zu können.

Es ist Sonntag Abend, irgendwo in der Uckermark. Gleich werde ich so einen speziellen Moment erleben, aber davon habe ich gerade nur eine Ahnung. Ich stehe auf einem abgemähten Kornfeld, bald wird sich die Sonne mit ihrem orange-rötlichen Schweif zum Untergang aufmachen. Vielleicht 300 bunt bemalte und gekleidete Mitmenschen tanzen unter dem freien Himmel der Natur, vor uns eine mit viel bunten Stoffen dekorierten Bühne. Mein Blick geht in die Ferne. Schier endlos erstrecken sich die gelben, vorsichtig geschwungenen Getreideteppiche bis zum Horizont. Eine kleine Erhebung in den Feldern sorgt dafür, dass der nah gelegene See gerade nur zu erahnen ist. In einiger Entfernung zieht ein Mähdrescher seine Bahnen. Man sagt, dass hier sei die Toskana Brandenburgs. Nun ja, auf jeden Fall gefällt die hügelige Landschaft. Zwischen Horizont und Tanzbühne werden Hula-Hoop-Reifen geschwungen, dazu wabern riesige Seifenblasen im Gegenlicht durch die Luft. In einiger Entfernung erkenne ich eine überdimensionale Sitzbank und eine riesige, frei stehende Tür, beides aus massivem Holz errichtet und neugierig umlagert. Um mich herum herrscht eine Stimmung voller euphorischen Überschwangs. „Das haben alles wir gemacht, das ist alles für uns!“, ruft der mit Glitzer und Farben dekorierte Endzwanziger neben mir. Wir grinsen uns an und kommen ins Gespräch. Jahrelang lebte er in der Provinz, erst ein radikaler Bruch in seinem Leben führte ihn quasi über Nacht am letzten Silvester nach Berlin. Als Spezialist für Lichtinstallationen fand er schnell Anschluss in der Berliner Clubszene und jetzt, sieben Monate später, ist er mit einem Gros der Menschen auf diesem Festival der Utopie befreundet und hat hier ein Waldstück in ein leuchtendes Farben-Potpourrie verwandelt. Es sind offene, kreative und lebensbejahende Menschen, die in diesen Tagen die Uckermark bevölkern.

Ich fühle mich mittlerweile auch als Teil dieser multibunten Großfamilie. Es ist drei Tage her, dass ich im utopischen Niemandsland in der Mark Brandenburg angekommen bin. Rund um ein brachliegendes Gehöft werkelten zu diesem Zeitpunkt bereits seit Tagen Dutzende Berliner Erlebnisspezialisten an einem Wohlfühl-Festival der besonderen Art. In purer Handarbeit entstand eine Zauberwaldlandschaft und dazu drei Bühnen: Eine im Wald neben einer selbstgebauten Holzbrückenkonstruktion, eine zweite auf einem Hügel samt berauschender Aussicht über die bunt beleuchtete Landschaft und eben jene dritte weiter oben beschriebene Bühne auf dem abgemähten Kornfeld. Drumherum ein phantasievoll dekorierter wilder Garten, eine riesige VoKü im Dauereinsatz und eine Barbühne samt Lagerfeuer und Dorfplatzcharakter. Darüber hinaus appellieren lauter liebevolle Details an den menschlichen Spieltrieb: Von miteinander verbundenen Waldtelefonen über Lichtlabyrinthe bis zu einem ausgeklügelten Freischnaps-System. Mitfeiern an diesem besonderen Happening kann aber nur derjenige, der auch Hand anlegt und am Aufbau oder bei der Durchführung des Festivals mitmacht (der Autor dieser Zeilen verdingt sich zum Beispiel an der Generierung von Kartoffelpuffern). Und auch das nur auf Einladung, denn die Teilnehmerzahl ist streng reglementiert, der sich jedes Jahr ändernde Ort bis kurz Beginn vor der Veranstaltung streng geheim und sowieso wird man zu diesem Ort gerufen und nicht andersherum. Das Ziel: Ein familiäres Utopia, das in gemeinsamer Hand entsteht zusammen mit Menschen, deren verbindender Traum eine buntere, liebevollere und schönere Welt voller Mitgefühl und Solidarität ist. Eine Bezahlung für die Arbeit am Festival oder Gagen für auftretende Künstler gibt es daher keine und die Entlohnung der Großkantine erfolgt auf reiner Spendenbasis.

Die Anstrengungen der letzten Tage sind am Sonntag Abend auf der Brandenburger Kornfeld-Bühne vergessen. Ich blinzle in die Sonne, die immer größer und rötlicher zu werden scheint und in Kürze den Horizont berühren wird. Das aufkommende Naturschauspiel spricht sich nun auch auf der Tanzfläche rum. Beeindruckt von der Schönheit und Vergänglichkeit des Moments kann sich kaum einer mehr dem Sog der Sonne entziehen, die hedonistische Gesellschaft setzt sich in Bewegung, weg von der musikalischen Beschallung, weiter rauf auf das Kornfeld, um eine optimale Sicht auf das Naturspektakel zu erhaschen. Dieselben Menschen, die über eine Woche lang in atemberaubender Akribie und Professionalität ein hippieskes Festivaldorf aus dem Nichts geschaffen haben, laufen jetzt strahlend und glucksend wie kleine Kinder in Richtung Sonnenball. Ich glaube, eine Gänsehaut zu bekommen und folge dem Strom der Sonnenkinder. Die Musik wird immer leiser, hält sich aber noch wacker als Hintergrundsoundtrack (Hier findest Du den Link zur Sonnenuntergangs-Musik). Die Nebelmaschine an der Bühne arbeitet auf Hochtouren, ganz so, als wollten sich die Nebelschwaden ebenfalls zum Hügel aufmachen, verleihen sie den Kornfelder einen sagenhaften Charakter. Ein Gefühl des Eins mit der Natur und mit seinen Mitmenschen geht um. Liebe. Nähe, Solidarität. Etwas gemeinsam aufbauen, erleben und genießen, fernab von Großstadt, Alltag und Sorgen. Und so erzählt uns die Momentaufnahme am sonnengeblendeten Kornfeld in der Uckermark die Geschichte vom einfachen Glück des Lebens.

GALERIA UTOPIA

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